L U X  L E G E R E

Philosophie

Die Fotografie ist etwas, über das sich vortrefflich viele Worte verlieren lassen. Ich bin mir nicht sicher, aber es scheint mir, das mehr Worte über Fotos und Fotografie gesprochen und geschrieben werden, als am Ende Fotos gemacht werden (unter der Prämisse, dass ein Foto mehr als 1000 Worte sagt...). Ich glaube, das ist nicht ganz einfach. Nur warum ist das so? Ein einfacher Blick genügt jedoch, um diese These zu untermauern. Es braucht dazu nur eine große Community, in der es um die Fotografie geht. Selbst für den in der Mengenlehre ungeübten wird schnell klar, dass in dieser Community die Sprache wichtiger ist, als das Bild. Es ist aber auch zu verführerisch, über ein Bild und erst recht über die verwendete Technik viele Worte zu verlieren.

Eine einfache Übung dazu, die tatsächlich so stattgefunden hat. Als Bild dient ein Blatt Papier, dass nichts weiter enthält, als einen schwarzes Rechteck mit einem weissen Rand von 2 Zentimetern. Am Ende ergab sich ein Gespräch mit Rede und Gegenrede von mehr als 2 Stunden Dauer. Da sage noch einer, dass es nichts (oder Nichts) zu sehen gibt.


Gesprächsstoff für mehrere Stunden

Ich werde die Gelegenheit nutzen und an dieser Stelle einige meiner Gedanken (oder soll ich von philosophischen Betrachtungen sprechen) zur Fotografie aufschreiben. Es geht mir nicht darum, Zuspruch zu finden oder Ablehnung zu provozieren. Es ist jedoch möglich, dass genau das eintritt. Es liegt an jedem selbst, wie sie oder er damit umgeht. Es ist nur wichtig, sich darüber im klaren zu sein, dass ein Gedanke niemals ausschließlich das Eine oder das Andere erzeugt. Und das ist sehr gut so.



Es kommt doch auf die Größe an

Eine kuriose Erscheinung unserer Zeit. Es mehren sich verstärkt die Aussagen von Menschen, die die Fotografie mit etwas mehr als nur dem Smartphone betreiben, dass ihnen die Last der Fotografie mittlerweile zu groß wird. Mit Last ist hier aber ganz einfach das Gewicht der Fotoausrüstung gemeint. Nun war es schon sehr lange so, dass die sogenannte professionelle Kamera (dieser Begriff ist im Grunde völliger Nonsens) mehr wog, als eine solche, die nicht den Nimbus des professionellen besaß. Es wurde einfach damit begründet, dass man für die Produktion wertigere (aber warum deshalb schwerer hat man nicht gesagt) Materialien nutzt. So weit, so einfach. Wertiger gleich dicker gleich größer gleich schwerer. Kann jedes Kind nachvollziehen.

Inzwischen reagiert die Industrie und bringt in immer kürzeren Abständen sogenannte spiegellose Kameras auf den Markt. In diesem Jahr ist die Riege der Hersteller fast komplett. Das große Credo lautet: spiegellos gleich kompakter gleich leichter. Das ist auch nachvollziehbar für jeden, der grob weiß, wie eine Spiegelreflexkamera funktioniert. Ach ja, eine Besonderheit gilt es zu beachten: spiegellos gleich einfacher zu konstruieren gleich weniger Bauteile gleich teurer. An dieser Stelle sollte der mündige Verbraucher ins Spiel kommen. Nur dumm, der meldet sich gerade nicht. Er liegt wohl voller ekstatischer Zuckungen vor dem gerade gelieferten Paket mit der neuen spiegellosen. Jetzt werden natürlich alle Bilder wieder besser. War ja auch wieder teurer.

Aber jetzt kommt für den geschundenen Rücken des Nutzers das ganz besondere Erlebnis. Die Kamera an sich ist wirklich leichter geworden. Nur dumm, dass sie ohne Objektiv nicht funktioniert. Also kommt ein neues Objektiv dazu. Und da die Kamera ja leichter ist, kann die Industrie ja getrost das Objektiv etwas schwerer machen.

Der geneigte Leser merkt an dieser Stelle, dass ich diese Entwicklung am Markt nicht ganz vorurteilsfrei betrachten kann. Aber macht nichts. Die Industrie hat geliefert. Jetzt muss der Verbraucher erst einmal kaufen. Und wenn wir dann irgendwann leichtere Objektive fordern, wer weiß, da lässt sich doch dann sicherlich wieder argumentieren, dass dafür aber auch neue Kameras erforderlich sein werden.


Nahrung für den Geist


Künstler und Techniker

Ein paar Worte zu einer ganz besonderen Art der Leidenschaft. Es kauft ein Mann (ja, es ist ein Männerphänomen) eine Kamera. Er ist mächtig stolz darauf. Er hatte bislang noch keinen Kontakt zu der Marke, die er gekauft hat. Er ist in einem oder mehreren Foren zum Thema Fotografie registriert und mehr oder weniger leidlich aktiv. Was geschieht dann?

So wie ein Schmetterling zunächst eine Raupe ist und nach einer grandiosen Metamorphose als wunderschönes Wesen in die Welt hinaus fliegt, wird dieser durchschnittliche und nicht sonderlich auffällige Mann ein Botschafter der Fotografie und der dazugehörigen Marke (eben seiner Marke natürlich). Eines der ersten Bilder wird ein Foto seiner neuen Angebeteten sein, völlig ignorierend, dass der Hersteller ja für horrende Summen Fotografen beauftragt hat, dieses Wunderwerk der Technik in atemberaubenden Bildern festzuhalten. Aber es muss eben doch noch ein annähernd gleichwertiges Foto der eigenen Kamera zugefügt werden (es ist ja schließlich unter den vielen gleichen eine ganz besonders gleiche, nämlich seine gleiche).

Die nächste Stufe der Metamorphose wird erreicht, wenn es um die wundersame Welt der technischen Details geht. Plötzlich wandelt sich der Botschafter nahezu in einen Krieger. Unter Einsatz der schärfsten noch vertretbaren Worte kämpft er an vorderster Front für seine Marke. Wenn Einsatz bezahlt würde, er verdiente mehr als der Vorstandsvorsitzende der Marke. Kein andersgesinnter wird jemals wieder glücklich in die aufgehende Sonne blicken, denn durch sein minderwertiges Material kann er ja gar nicht diese Wunder der Natur geeignet festhalten. Allerdings hat dieser Einsatz seinen Preis. Er wird bezahlt in Unmengen von Testbildern mit Klinkersteinen und überstrahltem Geäst im direkten Gegenlicht. Und so häufen sich die Bilder. Es ist schon die 5.000 Auslösung im Speicher der Kamera vermerkt.

Es kommt, wie es in jedem Drama sein muss. In einem Moment der Unachtsamkeit nimmt seine Frau den Fotoapparat. Sie macht ein Foto und nennt es "Gartenblume" (es war ja eine solche). Das Bild findet unter diesem Namen seinen Weg in die verschiedenen Orte des Internets und erzeugt überall, wo es gesehen wird, ein lächeln im Gesicht des Betrachters. Kein weiteres Wort zu womit, kein Wort zu wie, einfach nur Gartenblume. Das Foto hat die Nummer 5.001 im Speicher der Kamera.



Wer hat die meisten Kamine?


Aufrüstung oder die unterschätzte Selbstüberschätzung

Es ist ein Phänomen, das heute durchaus oft anzutreffen ist. Jemand möchte sich eine neue Kamera zulegen und fragt an verschiedenen Orten um Rat. Das ist nicht weiter ungewöhnlich und war schon immer so. Und es war gut. Was aber auffällt, ist die Wahl der Worte, die der Fragende trifft. Anstatt eine Frage zu stellen, wird oftmals eine Anklage erhoben. Eine Anklage gegen das alte Gerät: Ich stoße an ihre Grenzen! Was für eine Aussage. Da wurden für die alte Kamera wahrscheinlich Millionen von Euros in die Entwicklung gesteckt, um mit dem Ziel der absoluten Originaltreue ein Gerät zu entwickeln, das mit so ausgefuchsten Möglichkeiten auch dann noch ein Foto ermöglicht, wenn kein Motiv vorhanden ist. Und dann kommt da jemand her, der nach vielleicht ein oder zwei Jahren des Gebrauchs mal eben so beiläufig sagt, er sei an die technischen Grenzen des Geräts gestoßen.

Es ist vergleichbar mit dem Porschefahrer, der seinen bisherigen 911er gegen einen neuen austauschen möchte. Er ist einfach an seine Grenzen gestoßen. Klar, er hat sich mit dem alten bisher nur im Stadtverkehr und gelegentlich auf einer geschwindigkeitsbegrenzten Autobahn bewegt. Trotzdem, es sind Grenzen erreicht. Das Wageninnere riecht nicht mehr so schön angenehm nach frisch gehäutetem Leder, das Lederlenkrad ist durch das ewige Begrapsche mit gecremten Händen nicht mehr so angenehm und irgendwie klingt dieser auf 8000 Umdrehungen ausgelegte Motor bei Tempo 30 vor der Kita auch nicht mehr so sportlich. Es sind damit Grenzen erreicht.

Die Industrie ist ja ein gelehriges Wesen und reagiert auf solche Gemütsverfassungen. Der Verbraucher macht es der Industrie sogar sehr einfach. Denn die grundsätzlichen Funktionen des Gegenstands müssen ja gar nicht neu erfunden werden (Kamera macht Foto, Auto fährt). Aber wenn dieses Jahr nun einmal Popcorngelb mit rosafarbenen Streifen als die Farbe schlechthin an jeder Ecke dargeboten wird, kann der Mensch mit einem froschgrünen Porsche natürlich keine Miss Piggy in den Volant locken. Das der froschgrüne Porsche niemals in seiner Karriere eine Grenze erreicht hat, außer vielleicht der Stadtgrenze, ist völlig irrelevant. Ich brauche einfach eine gute und überzeugende Erklärung, warum ich mir unbedingt jetzt das neue Modell kaufen muss. Und das ohne das Selbsteingeständnis, dass ich das alte Gerät zwar nie in seiner Komplexität ausgelotet habe, weil ich ja weder die Lust noch die geistige Möglichkeit besaß, ich dennoch das neue Gerät haben will, weil es einfach das Neue ist und außerdem ist da der Knopf hinten links, den ich sowieso schon immer vermisst habe - was macht man eigentlich mit dem Knopf?

So kommt es zu diesem lustigen Aufrüsten, das der Industrie in allen Bereichen herrliche Zeiten beschert. Es musste nix Neues erfunden werden, es ist alles da, die Maschinen sind abgeschrieben und wir können das Ganze noch ein wenig teurer machen. Und der mündige und hochgebildete Verbraucher, der ja die Technik bis in die allerletzte Schraube besser durchblickt, als deren Entwickler, sagt natürlich, dass er genau auf dieses Neue schon Ewigkeiten gewartet hat und jetzt endlich all das umsetzen kann, woran er bislang gescheitert ist, weil die Industrie ihm nicht die passende Gerätschaft angeboten hat. Am nächsten Morgen fährt er wieder in die Tempo 30 Zone vor der Kita und findet mal wieder keinen Parkplatz direkt vor der Tür, weil alles vollgestellt ist mit popcorngelben, rosa gestreiften 911ern.



Detail der Ruine Heisterbach, 120er Ilford Delta 100


Fest oder variabel, eine Frage der Technik oder der Philosophie?

Neben den geradezu "ewigen" Diskussionen um analog oder digital, Großformat vs. Mittelformat vs. Kleinbild vs. noch kleiner gibt es noch ein Themengebiet, das gestandene Mannsbilder aus dem Dunstkreis der Fotografie mit einer Inbrunst betreiben, als gelte es, das Überleben der eigenen Art zu verteidigen. Die alles entscheidende Frage lautet: Nehme ich eine Festbrennweite oder nehme ich ein Zoomobjektiv?

Die Antwort könnte ganz einfach auf der Basis physikalischer Daten erfolgen und sähe dann entsprechend ernüchternd aus. Aber welcher Fotograf (ich beschränke mich auf die männliche Version, denn es ist zu 99% ein Männerthema) möchte sich der Grundlage für einen wortgewaltigen Feldzug gegen die Andersgläubigen beraubt sehen. Ein beliebtes Argument dabei ist die optische Qualität, die ja vorgeblich bei einer Festbrennweite um einen nicht genau zu beschreibenden Faktor besser sein soll. Wir alle kennen diesen oder jenen guten oder schlechten Science Fiction Film, in dem die Sicht mit Roboteraugen simuliert wird. Rings um das Sichtfeld tauchen unzählige technische Parameter auf, die die Auswertungen des bordeigenen Computers wiederspiegeln sollen. Wie bescheuert muss eigentlich ein Roboter sein, wenn er all das, was in seinem Gehirn passiert, noch einmal zum nachlesen braucht? Genau so müssten wir Menschen gucken können, wenn wir die optische Qualität beurteilen wollten. Oben, unten, rechts und links würde unser Gehirn tausende Parameter auflisten, die sich mit der technischen Qualität des Bildes beschäftigen. Lediglich in der Mitte wäre etwas Platz, um das Motiv ungehindert zu sehen.

So dumm es ist, sich auf solche Parameter bei der Beurteilung eines Bildes zu stützen, so gerne tun es die Männer. Und wenn das Foto ohne Kenntnis dieser Daten gefällt, spätestens bei Nennung von Objekitvmarke und Rahmendaten fällt das Bild dann doch durch. Männer sind halt doch lieber Ingenieure. Auffällig dabei ist ein gewisser Technikneid. Denn sobald ein für den Wortführer nicht mehr leistbares Objektiv ins Spiel kommt, wird dessen Leistung natürlich nach unten korrigiert. So viel besser kann es schließlich gar nicht sein. Undenkbar.

Zur Ehrenrettung sei aber ein Aspekt genannt, der dann doch des öfteren angeführt wird. Es wird "intensiver" an das Motiv herangegangen. Ausnahmsweise ein nicht-technisches Argument für die Festbrennweiten. Gleichwohl ein absoluter Schwachsinn, mit der sich der, der es geäußert hat, in eine Ecke manövriert, in die er sich selbst niemals einsortieren würde. Im Umkehrschluss sagt derjenige ja nichts anderes, als das er mit einem Zoomobjektiv nicht so "intensiv" fotografiert, also oberflächlich bleibt. Diese Aussage ist hart, aber der Kern ist leider wahr. Sonst würde niemand so etwas von sich behaupten. In einem Rennwagen fahre ich konzentrierter.... Gnade den Fußgängern, wenn derjenige mit dem Wagen seiner Frau unterwegs ist.



© 2018 - Michael Semmler -